stell dir vor es ist krieg, und keiner geht hin...

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Polly wants a cracker

Am Abend ruft Sammy an und lädt mich zu einer Party ein.
„Was gibt’s denn zu feiern?“ erkundige ich mich.
„Ach weißt du, man braucht nicht unbedingt immer einen Grund, um Spaß zu haben.“
Ich kann ihn förmlich durch den Hörer grinsen sehen.
„Ist auch nix besonderes,“ erklärt er locker, „Nur ne kleine Gesellschaft. Wir treffen uns um halb acht am See. Komm vorbei, es wird dir gut tun, mal wieder rauszukommen.“

Nachdem ich aufgelegt hab, hocke ich mich im Schneidersitz auf mein Bett und denke nach. Sammy hat Recht. Ich war wirklich schon lange nicht mehr unter Leuten. Andererseits könnte das heute Abend auch eher ein Spießrutenlauf werden. Wenn jeder verstohlen auf meinen Bauch glotzt und hinter vorgehaltener Hand mit dem Nachbarn tuschelt. Ach was soll’s, denke ich mir. Sammy hat schließlich gesagt, es soll nur ne kleine Runde sein. Da wird er sich bestimmt Mühe bei der Auslese seiner Gäste geben.
Für einen kurzen Moment will ich nach dem Telefonhörer schnappen und Jonah anrufen, doch dann zögere ich. Ich kenne seine Antwort auf die Frage, ob er mitkommt zur Party, eh schon. Er wird mich nicht unterstützen, denn ich muss mich schonen, dem Kind zu Liebe. Aber deswegen wie eine Aussätzige von jeder Party fern bleiben? Ich spüre eine leichte Wut in mir aufkeimen und springe vom Bett auf. Nein, heute Abend will ich Spaß haben! Aber erst einmal gehe ich unter die Dusche.

Frisch gewaschen schlüpfe ich in bequeme Jeans und ein weites, dunkelrotes T-Shirt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits kurz nach sechs ist. Wenn man die Zeit, die ich für den Weg zum See brauche, abzieht, habe ich noch ungefähr eine Stunde. Ich föhne meine Haare schnell trocken und entschließe mich dann, sie heute Abend offen zu tragen.
Während ich mich im Spiegel betrachte, fällt mir auf, wie sehr ich mein Äußeres vernachlässigt habe in den letzten Monaten.
„Ein bisschen Make-up würde dir heute mal gut tun, Polly,“ sage ich zu meinem Spiegelbild und strecke ihm die Zunge heraus. Mit zittrigen Händen beginne ich, Wimperntusche aufzutragen.
Nachdem auch das erledigt ist, mache ich mir noch schnell etwas zu essen. Danach spüle ich den Teller rasch in der Spüle ab, klebe einen kleinen pinken Zettel an den Kühlschrank, mit der Botschaft, dass ich mit Freundinnen im Kino bin, und schnappe mir meine schwarze Umhängetasche sowie die verwaschene Jeansjacke.

Im Bus will ich mich erst ganz hinten hinsetzen, doch dann entdecke ich weiter vorne Mark und Antoine. Die beiden haben mich auch schon erblickt und deuten mit wilden Armbewegungen an, dass ich mich zu ihnen setzen soll. Also quetsche ich mich durch den engen Gang zu ihren Plätzen durch. Mittlerweile ist der Bus bereits losgefahren und macht eine Kurve, genau in dem Moment, indem ich den freien Platz neben Mark erreiche. Durch den plötzlichen Ruck verliere ich das Gleichgewicht und kann mich gerade noch so an einer Haltestange festklammern.
„Hoppla, Polly, nicht so stürmisch!“ grinst Mark und hilft mir auf den Sitzplatz. Ich komme mir vor, wie ein kleines Kind und spüre die heimlichen Blicke der anderen Fahrgäste, die mir sofort eine Schamesröte, welche sich bestimmt wunderbar mit meinem roten T-Shirt beißt, ins Gesicht steigen lassen.

Die weitere Busfahrt ist die Hölle, auch wenn sich her raus stellt, dass Mark und Antoine ebenfalls zu Sammys See-Party unterwegs sind und ich so den restlichen Weg nicht mehr alleine bin.

Endlich stehe ich am Seeufer und beobachte, wie die Sonne langsam hinterm Horizont versinkt.
Die „kleine Gesellschaft“ besteht nun doch aus mindestens zwanzig Leuten, wovon ich die Mehrheit bereits bei einigen Feten gesehen habe.
Sammy hat mit ein Paar Jungen große Holzblöcke herangeschleppt, auf denen sich die meisten seiner Gäste tummeln. Einige tanzen zur Musik, die aus dem Ghettoblaster dröhnt und andere halten die Füße ins Wasser und reichen sich abwechselnd einen Joint.

Ich stehe ein bisschen abseits von dem ganzen Getümmel und bin so in Gedanken versunken, als plötzlich Mark neben mir auftaucht.
„Hier, Cola mit Bier,“ sagt er und drückt mir einen Plastikbecher in die Hand. Ich grinse ihn an.
„Wohl eher Bier mit ´nem Schuß Cola, wie ich dich kenne.“ Mark hebt die Hand zum Schwur.
„Nix da! In dem Becher ist Halbe-Halbe. Ehrenwort. Musst ja schließlich ein bisschen aufpassen,“ sagt er und tätschelt mir leicht den Bauch.
Ich lächele Mark dankbar an und will gerade etwas erwidern, als ich Antoines Stimme rufen höre: „He, Polly, schau mal wer da ist!“
Als ich mich umdrehe steht Jonah da, die Hände tief in den Taschen seine abgewetzten Jeans vergraben.
Vor lauter Überraschung, verschlägt es mir glatt die Sprache. Wieso ist Jonah denn hier? Andererseits, wieso auch nicht, denke ich mir, schließlich ist er genauso mit Sammy befreundet, wie ich.
„Hey Kollege,“ höre ich Mark neben mir und Jonah nickt ihm zu.
„Na gut, ihr zwei Stockfische, ich bin mal mit Antoine Party machen. Haut rein!“ ruft Mark noch und ist auch schon verschwunden.
Jonah macht zwei Schritte auf mich zu und umarmt mich. Als er merkt, dass ich seine Umarmung nicht erwidere, lässt er mich los. Endlich hab ich meine Stimme wiedergefunden und bringe ein „Hi“ über die Lippen.
Jonah zieht die Nase kraus und sagt mit väterlichem Unterton: „Polly, du weißt genau, was ich davon halte, dass du auch hier bist.“
„Tja,“ erwidere ich schnippisch, „dann geh doch auf `ne andere Party, wenn es dir nicht passt!“
Jonah verdreht die Augen. „So war das doch gar nicht gemeint! Aber du solltest nicht auf dieser Party sein. Und auch auf keiner anderen. Du solltest zu Hause sein und dich schonen!“ Ich zucke mit den Schultern und trinke einen Schluck aus dem Becher, den Mark mir gereicht hat.
„Bist du denn jetzt völlig übergeschnappt?“ schnauzt Jonah mich an. Wütend blinzelt er in meine Richtung, denn die tiefstehende Sonne blendet ihn.
„Polly! Du bist schwanger! Da kannst du doch nicht einfach rücksichtslos den Alkohol in dich reinkippen.,“ fährt er mit seiner Moralpredigt fort und entwendet mir meinen Plastikbecher.
„Hey, hab dich doch nicht so,“ schnauze ich zurück, „schließlich ist das doch nur Bier. Und auch nur zur Hälfte. Mark hat’s mir mit Cola gemischt.“
Mit einem heftigen Ruck kippt Jonah den Inhalt meines Bechers in den Sand, wo er sofort beginnt zu versickern. Ich schreie empört auf.
„Tickst du noch richtig? Wenn du so viel Kohle hast, deine Getränke einfach wegzukippen, dann kannste deine Geld auch gleich im Klo runterspülen!“
Achtlos wirft Jonah den nun leeren Becher in den Sand und beginnt mich leicht an den Schultern zu rütteln.
„Polly,“ sagt er, nun mit sanfterer Stimme, „Da in dir drin wächst ein kleines Leben. Und du bist dafür verantwortlich. Behüte es! Beschütze es! Mach es nicht kaputt!“
Seine Worte lassen mich erschaudern und ich beginne leicht zu zittern.
„Du hast mir hier gar nichts vorzuschreiben!“ flüstere ich leise. Ich versuche Jonahs Hände abzuschütteln.
„Du bist noch nicht einmal der Vater des Kindes!“ rufe ich laut und drehe mich um, bevor er meine aufsteigenden Tränen bemerkt.
Ach, wenn es doch nur so wäre, dass Jonah der Vater dieses Kindes da in mir drin ist! Dieser Gedanke lässt nun noch mehr Tränen über meine rauen Wangen rollen. Ich mache mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen.
Stattdessen trabe ich los und laufe am Seeufer entlang. Weg von Sammys Party und all den unbeschwerten Leuten, die keinen größeren Sorgen als den Kater am nächsten Morgen haben.

Auf einem kleinen Fels lasse ich mich nieder und halte die dreckigen Chucks ins Wasser. Ich starre auf den See, der sich von der untergehenden Sonne rötlich färbt.
Jonahs Worte hallen in meinem Kopf wieder. Mach es nicht kaputt! Genau das hat auch Lilly gesagt, als sie von meinen Abtreibungsplänen hörte. Lilly, die doch selber noch ein Kind ist. Was weiß sie denn schon, was es bedeutet mit einem immer dicker werdenden Bauch rumzulaufen und von den Leuten schräg angeguckt zu werden, und genau zu wissen, was sie grade denken. Was weiß sie denn schon, wie es ist, jeden morgen die Kloschüssel zu umklammern, und nicht etwa weil die Party am Vorabend so berauschend war. Was weiß sie schon, verdammt noch mal, was wissen sie alle denn, wie es ist, ungewollt schwanger zu sein! Aber jeder meint ein paar gut gemeinte oder tadelnde Worte loslassen zu müssen. Aber das macht es auch nicht rückgängig oder weniger beschissen. Vor Wut beiße ich mir auf meine spröden Lippen.

Auf einmal spüre ich, wie von hinten sich zwei Arme unter meinen durchschieben und sanft über meinen Bauch streicheln. Ich drehe mich nicht um, da ich ganz genau weiß, dass es Jonah ist, der da sanft in mein Ohr atmet.
Stattdessen schließe ich meine Augen, und versuche mit ihm mitzuatmen. Wir beide atmen im selben Takt. Ein, aus, ein, aus, ein.

Langsam versiegen meine Tränen. Plötzlich greift Jonah nach meinen Händen und legt sie ebenfalls auf meinen Bauch. Etwas widerwillig lasse ich ihn machen. Doch dann spüre ich auf einmal ein sanftes Treten. Da ist ein kleines Leben in mir! denke ich leise und wieder beginnen die Tränen zu kullern, diesmal aber nicht aus Wut oder Verzweiflung. Ich bin dabei ein kleines Leben zu erschaffen. Es wächst in mir, es ist ein Teil von mir!
Leise höre ich Jonah etwas flüstern und unterbreche meine Gedanken.
„Mach es nicht kaputt, mach es nicht kaputt,“ murmelt er fast lautlos.
2.10.06 14:17


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